Die Genfer Sektion der Gewerkschaft Unia hat in den letzten Jahren wichtige Kampferfahrungen gesammelt (Bauarbeiter, Streik in Altersheimen und bei ABB Sécheron etc.). Wir fragten Regionalsekretär Alessandro Pelizzari von der Unia Genf , um mehr über diese Gewerkschaftsaktionen zu erfahren.

Im Jahr 2017 fand mehr als die Hälfte der Schweizer Streiks im Kanton Genf statt (der Rest im Tessin und in der Waadt). Das ist ziemlich beeindruckend. Wie erklärt sich das? Einige argumentieren, dass Genf nahe bei Frankreich liege. Oder: Die eher linke Gewerkschaftstradition in der Westschweiz sei eine Garantie für Radikalität. Andere nennen den Druck durch Lohndumping, da viele GrenzgängerInnen beschäftigt werden. In beiden Fällen werden weder die Streikenden noch ihre Traditionen beachtet Wir konzentrieren uns hier auf ein oft unterschätztes Element: die Organisation, die Gewerkschaft.

Der Rest der Schweiz
In den anderen Kantonen (ausgenommen Tessin und Waadt) kommt es sehr selten zu Streiks. Doch gibt es durchaus Möglichkeiten zum Kampf. Die Sozialpläne von General Electric im Kanton Aargau veranschaulichen dies. Die lokale Unia-Sektion zog es jedoch vor, direkt mit dem Management zu verhandeln, anstatt die ArbeiterInnen zu beraten und mit ihnen zusammenzuarbeiten, um einen Kampf zur Erhaltung ihrer Arbeitsplätze zu organisieren. Das einzige Ziel war Schadensbegrenzung.

Viele GewerkschaftsfunktionärInnen sind zufrieden mit den sozialpartnerschaftlichen Verhandlungen. Eine militante und aktive Basis müssen sie dazu nicht schaffen. Die gewerkschaftliche Tradition lässt sich seit langem mit dem Wort «Arbeitsfriedens» zusammenfassen. Der perverse Effekt davon ist, dass im Normalfall auch mit einer schwachen Basis an Aktivmitgliedern gerechnet wird. Das schwächt die Position gegenüber den Arbeitgebern, auch finanziell.

Die Gewerkschaften wurden abhängig von professionellen Beiträgen. Wenn in einer Branche ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV) gilt, gibt es einen obligatorischen Lohnabzug. Alessandro sagt: «Ein Teil der GAV hat zum Ziel, den Arbeitsfrieden zu sichern. Und einige Gewerkschaften unterzeichnen sie weiterhin – teilweise aus finanziellen Gründen. Doch ich würde diese Frage nicht überschätzen.»

Die Methode der Unia Genf
Die sozioökonomische Situation in Genf ist nicht aussergewöhnlich. Andere Kantone sind mit ähnlichen Bedingungen der konkreten kapitalistischen Ausbeutung konfrontiert. «Ich bin überzeugt, dass es überall radikalisierte Arbeiter gibt. Doch gibt es kein kollektives Gewerkschaftsprojekt, darum drückt sich diese Radikalisierung individuell aus. Sie äussert sich in Protest, Wutausbrüchen und der Wahl der Rechten. Doch das sind individuelle Antworten auf gesellschaftliche Probleme. Damit es sich anders äussern könnte, braucht es ein kämpferisches Gewerkschaftsprojekt.»

Die Unia Genf hat sich während der letzten Jahre immer auf die kämpfenden ArbeiterInnen gestützt. Das erlaubte ihr die Kämpfe konsequent zu führen. Alessandro unterstreicht besonders die Vollversammlungen: Damit stehen die ArbeiterInnen im Zentrum der Diskussion. Die Beschlüsse werden demokratisch von den ArbeiterInnen gefasst. «Der Streik ist die konzentrierte Form der Gewerkschaftsarbeit», sagt Alessandro. «Er ist die Selbstorganisierung der ArbeiterInnen. Denn der Streik wird von den Kämpfenden organisiert, nicht von der Gewerkschaft. Das Allerschlimmste ist, wenn die Gewerkschaft anstelle der ArbeiterInnen entscheidet, einen Streik abzubrechen.»

Deshalb haben die FunktionärInnen an diesen Vollversammlungen kein Stimmrecht. Ihre Aufgabe ist es, ihre Erfahrung weiterzugeben und Ratschläge zu erteilen. «Das allerwichtigste ist, dass die GewerkschaftssekretärInnen glaubwürdig sind und das Vertrauen der ArbeiterInnen bekommen. Denn letztere sind es, die ein Risiko auf sich nehmen. Die Gewerkschaft muss die Organisationsform einbringen, welche die Spontanität überwindet und die kollektive Aktion weitertreibt.»

Der Kampf bei Merck-Serono (Pharma-Unternehmen) ist ein gutes Beispiel für diese Praxis. 2015 sollten 1’500 Leute entlassen werden. Während vier Monaten nahmen regelmässig rund 700 Mitarbeitende an den Vollversammlungen teil. Sie beschlossen einen fünftägigen Streik. Dadurch konnte der Sozialplan bedeutend verbessert werden.
Diese demokratischen Methoden ermöglichen, das Vertrauen der ArbeiterInnen rasch zu gewinnen und die Unia gewerkschaftlich zu verankern.

Die Bedeutung von Erfahrung
Die Genfer Erfahrungen aus dem Kampf sind wichtig. Sie machen den ArbeiterInnen die Bedeutung des Klassenkampfes und der kollektiven Organisierung bewusst. So werden sie aus eigenem Willen an die Gewerkschaft gebunden.

In der Schweiz, wo die Zahl der Leute mit Streikerfahrung sehr tief ist, kommt den Gewerkschaften die Aufgabe zu, diese Erfahrung zu verbreiten. Das Ziel einer Organisation der Lohnabhängigen ist es also, Erfahrung anzusammeln, um den Kampf gegen die Unternehmer bestmöglich führen zu können. Im Moment ist die Unia Genf eine der einzigen Gewerkschaften, die über frische Streikerfahrungen verfügt. Ihre Rolle auf schweizweiter Ebene ist deshalb massgebend.

Der Erfahrungsaustausch ist unerlässlich bei der Stärkung der Gewerkschaftsbewegung. Nur auf diese Weise können die Lohnabhängigen vermeiden, Fehler zu wiederholen und nachahmen, was funktioniert hat.

Der Kampf für eine kämpferische Gewerkschaftsbewegung muss den Bruch mit dem Arbeitsfrieden mit sich bringen.

Wie können diese Erfahrungen verallgemeinert werden?
Die Stärke der Lohnabhängigen liegt in ihrer Zahl – sie sind die überwiegende Mehrheit der Gesellschaft. Um das Kräfteverhältnis zu unseren Gunsten zu verändern, ist gewerkschaftliches Handeln auf nationaler Ebene erforderlich. Was für die einzelnen Wirtschaftssektoren gilt, gilt ebenso für den Klassenkampf im Allgemeinen: Die Verbesserung des Kräfteverhältnis und der Gewinn des Vertrauens der Lohnabhängigen bedarf der Verallgemeinerung einer kämpferischen Gewerkschaftspraxis. Die wichtigsten GAV werden auf nationaler Ebene verhandelt und beschlossen. Da werden auch parlamentarische Verhandlungen über die AHV etc. geführt. Deshalb sind isolierte Kämpfe in Genf immer stark beschränkt und enden oft in Niederlagen.

Doch die Weitergabe von Erfahrungen und die Übertragung der kämpferischen Praxis sind schwierig. Im Moment steht die Unia Führung in Bern – sowie die meisten Regionalführungen – immer noch zur Zusammenarbeit mit den Unternehmern und dem Arbeitsfrieden. Das isoliert die Genfer Sektion zusätzlich.

Um die Linie der Unia national zu verändern, muss man Bündnisse mit den kämpferischsten Regionen wie Tessin und Waadt schliessen. Der Kampf für eine kämpferische Gewerkschaftsbewegung muss den Bruch mit dem Arbeitsfrieden mit sich bringen. Die Unia Genf könnte in einem solchen Bündnis eine führende Rolle spielen. Ihre Erfahrungen dienen dem Aufbau, wenn sie weitergegeben werden.

Ein solches Bündnis zu organisieren braucht einen langen Atem und benötigt viel Arbeit. Vor allem, weil in der Schweiz die «Konsenskultur» herrscht und es keine Strömungen in den Gewerkschaften gibt wie in Frankreich. Doch dieser Aufbau ist heute notwendig, um eine wirkliche Alternative zu schaffen. Nur so kann man kämpfen. Dieses Bündnis würde ermöglichen, die GewerkschaftsaktivistInnen aus anderen Kantonen von den Genfer Methoden des Kampfes zu überzeugen und sie weiterzugeben.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Krise des globalen Kapitalismus werden die Angriffe und der Druck auf die Schweizer Lohnabhängigen zunehmen. Die Notwendigkeit konsequenter gewerkschaftlicher Praxis wird für die ArbeiterInnen im ganzen Land immer deutlicher werden. Die GewerkschafterInnen – SekretärInnen und AktivistInnen – der Unia Genf bewiesen, dass eine solche Praxis möglich ist und etwas bringt. Es liegt an uns, diese Erfahrungen zu studieren, zukünftige Kämpfe zu unterstützen und unseren Beitrag zur Übertragung dieser Praxis auf andere Regionen der Schweiz zu leisten.

Carlos Paoli
ASEMA Genf

Bild: « Streik » bei ABB Sécheron in Genf, Oktober 2017

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