Mit der Perspektive, ein sozialpädagogisches Studium zu beginnen, war das Absolvieren eines Praktikums im sozialen Bereich vorausgesetzt. Aus diesem Grund trat ich ein Praktikum als Betreuerin in einem Wohnhaus für Personen mit Behinderungen an, obwohl ich im Voraus wusste, dass mein Lohn lediglich aus CHF 800 im Monat besteht.

Beim ersten Blick auf meinen Arbeitsplan verstärkten sich meine Bedenken. Als einzige Angestellte mit 100%-Pensum war ich teilweise für mehrere zwölfstündige Schichten aneinander eingeplant. Dennoch wollte ich nicht voreingenommen sein und freute mich auf die Arbeit im sozialen Bereich.

Relativ schnell merkte ich im Praktikum, dass ich nicht zum Lernen im Betrieb angestellt bin, sondern als billige Arbeitskraft. Nach meiner Einarbeitungszeit unterschied sich meine Arbeit kaum mehr von jener meiner MitarbeiterInnen. Von da an musste ich alle Schichten selber übernehmen. Öfters war ich auf der Wohngruppe mit den KlientInnen nur auf mich selbst gestellt und hatte die alleinige Verantwortung, obwohl das als Praktikantin nicht erlaubt ist. Da ich für gewisse Sachen noch nicht über die Kompetenzen verfügte, wurden mir auch häufig einfach die Drecksarbeiten überlassen. Somit bestand mein Tagesplan meistens aus Putzen und nur zu einem kleinen Teil aus der Betreuung von KlientInnen. Meine Arbeit gefiel mir nicht und meine Motivation floss den Bach hinab. Hinzu kam, dass der niedrige Lohn sehr viel Stress auslöste. Da ich mit meiner Partnerin in einer Mietwohnung lebe, habe ich viele finanzielle Verantwortungen. Nachdem meine Alltagskosten gedeckt sind, bleibt momentan kein einziger Rappen mehr übrig, um fürs Studium zu sparen oder mir etwas als Belohnung für meine Arbeit zu «gönnen». Ich kann sogar froh sein, wenn ich nicht Geld aus meinem Ersparten fürs Studium nehmen muss.

Ich konnte insofern von meinem Praktikum profitieren, dass ich Einsicht darin bekam, kein sozialpädagogisches Studium machen zu wollen und sich meine Pläne hin zu einem Psychologiestudium änderten. Somit erledigte sich auch die Pflicht, das Praktikum zu absolvieren und ich kündigte nach zwei Monaten. Obwohl ich sofort eine neue Stelle mit einem vollen Lohn in einem Corona-Testzentrum hätte beginnen können, verharrte meine Chefin auf der einmonatigen Kündigungsfrist. Obschon meine Arbeitsbedingungen eine ziemlich grosse Belastung darstellen und ich nicht mal mehr einen Funken Motivation verspüre, weiterhin zu arbeiten, schien ein Monat wie eine überschaubare Zeit. Bei diesem Endspurt fühle ich mich aber nur noch schikaniert. Teilweise werde ich mehrere Stunden eingeplant, um das Büro meiner Chefin und andere Wohngruppen zu putzen oder stundenlang ihre Papiere zu schreddern. Ich verrichte momentan nur noch die Drecksarbeiten zu einem Dreckslohn.

Die Ausbeutung von PraktikantInnen ist nur eine von vielen perfiden Erscheinungen in der ausbeuterischen Art des kapitalistischen Systems. Aus diesem Grund setze ich mich im Funken für die Befreiung aller ArbeiterInnen aus ihrer Unterdrückung ein. Kurzfristig freue ich mich aber darüber, wenn meine Kündigungsfrist vorbei ist und ich meine neue Stelle antreten kann.

Anonym
02.08.2021

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