Zu Beginn dieses Jahres fing ich in einer Schreinerei ein Praktikum als Zeichnerin an, nachdem ich nach einem Semester in der Uni gefunden habe, dass ich mich gerne mehr praktisch betätigen würde. Mein Vorhaben war, danach eine verkürzte Lehre als Zeichnerin EFZ zu beginnen. Die Schreinerei befindet sich in einem kleinen Dorf, das mit dem ÖV etwa 1 ½ Stunden von meinem Zuhause entfernt ist. Ich arbeitete im Büro, welches direkt mit der Werkstatt verbunden ist und in dem sich auch der Arbeitsplatz des Chefs befindet. Meine Aufgabe umfasste die Planung von Konzepten für Küchen und Bäder und die Visualisierung in einem CAD-Programm. Dafür führte der Chef mit den KundInnen im Voraus Gespräche und leitete mir ihre Wünsche und Messungen weiter, mit denen ich arbeiten musste. Nebenbei war ich dafür zuständig, Anrufe von Kundschaft anzunehmen. Mit Vorfreude auf Abwechslung zu meiner langen Schulzeit nach dem Gymnasium und der Uni startete ich das Praktikum.

Die bittere Realität des Arbeitsplatzes

Ich merkte aber relativ schnell, dass die Stelle und der Betrieb nicht meinen Erwartungen entsprachen. Das ganze Personal im Büro war ständig gestresst und hatte mit dem Chef und untereinander dauernd Konflikte. Obwohl ich sehr schnell lernte und immer zuverlässig an meinen Projekten arbeitete, war meine Berufsbildnerin sehr streng zu mir und machte ständig perfide Kommentare. Da mir auch die Arbeit an sich überhaupt nicht gefiel, ich mit dem langen Arbeitsweg sowie der dauerhaft schlechten Stimmung überfordert war und in meinem Leben zu diesem Zeitpunkt sonst viel los war, geriet ich in eine Depression. Ich entschied mich schliesslich dazu, das Praktikum abzubrechen und zur Uni zurückzukehren.

Psychische Krise

Als ich mit meinem Chef und meiner Berufsbildnerin das Gespräch suchte, um ihnen meine Entscheidung mitzuteilen, kam es nicht gut an. Aufgrund meiner guten Leistungen wollte mein Arbeitgeber, dass ich im Betrieb bleibe und verharrte auf eine zweimonatige Kündigungsfrist, obwohl ich ihm versuchte klarzumachen, dass dies für mich eine sehr grosse psychische Belastung darstellte und ich mit den Arbeitszeiten und der langen Reise kaum die Möglichkeit hätte, in die dringend benötigte Therapie zu gehen.

Meine psychische Gesundheit ging den Bach hinab und für Termine bei der Therapie musste ich die dafür verpasste Zeit bei der Arbeit von meiner Mittagspause aufopfern. 

Nach dem Gespräch und dem Einreichen meiner Kündigung, war die Stimmung im Büro noch mieser als zuvor. Meine psychische Gesundheit ging den Bach hinab und für Termine bei der Therapie musste ich die dafür verpasste Zeit bei der Arbeit von meiner Mittagspause aufopfern. Einige Tage ging es, bis meine psychische Gesundheit ihren Tiefpunkt erreichte und ich mein Bett nicht mehr verlassen konnte. Drei Wochen lang war ich krankgeschrieben, ging mehrmals in der Woche in die Therapie und bekam Medikamente. In meiner Auszeit konnte ich mich sehr gut erholen und  war danach in der Lage, die letzten vier Wochen im Praktikum gut auszuhalten.

Fortsetzung des Spuks

Nach dem Praktikum dachte ich, dass der Spuk vorbei sei. Ich lag aber falsch. Denn nun musste ich eine neue Stelle finden, um mein geplantes Studium zu finanzieren. Dies war aber nicht so einfach, denn entweder brauchte man für die jeweiligen Stellen eine abgeschlossene Ausbildung oder die Bedingungen schienen noch prekärer als bei meinem vorherigen Praktikum. Unter dem Druck Geld verdienen zu müssen, meldete ich mich wieder beim alten Betrieb. Da eine andere Zeichnerin im Büro wegen Mobbing gekündigt hatte, waren im Büro zu wenig ZeichnerInnen, und der Chef freute sich auf meine Anfrage. Er liess mich umgehend wieder im Betrieb arbeiten, aber flexibel auf Abruf und auf Stundenlohnbasis. Das heisst, dass er sich jede Woche bei mir meldete, um mir mitzuteilen, ob es für mich Arbeit gebe. Das Angebot klang gut, aber der Stundenlohn belief sich auf mickrige 15.-/Stunde und manchmal teilte er mir am Sonntagabend mit, dass es für die ganze Woche keine Arbeit für mich gab. Irgendwann war die Produktion aber enorm überfordert, weil der Chef zu viele Anfragen annahm. Die Handwerker waren ständig gestresst und konnten nicht mehr mit den Aufträgen mithalten. Von KundInnen erhielt ich dauernd sehr unfreundliche Kritik über schlecht gelaunte HandwerkerInnen und schlampig ausgeführte Arbeit. Trotz der abnehmenden Qualität, hörte der Chef aus Profitgier nicht auf, Aufträge anzunehmen. Stattdessen fing er an, das Personal aus dem Büro in die Werkstatt zu schicken, bis die gesamte Planung nur noch von einer Zeichnerin und mir ausgeführt wurde, obwohl ich eine Praktikantin war. Die Anzahl an Projekten legte sich aber schnell wieder und ich hatte wieder ein sehr tiefes Pensum, das für die Mitfinanzierung meines Studiums niemals ausgereicht hätte.

Mittlerweile habe ich eine fair bezahlte Vollzeitstelle in einem Pflegeheim, die mir sehr gut gefällt und ich bis zum Studium behalten kann. Aus meiner Erfahrung habe ich gelernt, dass man mit der Notwendigkeit, Geld zu verdienen und eine Ausbildung zu finanzieren unter viel Druck steht. In der Schreinerei in der ich angestellt war, hat sich gezeigt, dass diese Tatsache von Arbeitgebern ausgenutzt wird.

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