Der Herbst war geprägt von den erfolgreichen Mobilisierungen in der Baubranche. Dabei hat sich gezeigt: Kämpferische Bauarbeiter machen den Baumeistern Angst. Doch wie geht es jetzt weiter?

Sieben Streiktage im Oktober und November, an denen schweizweit 15’000 Bauarbeiter teilnahmen, und die Grossdemonstration im Juni haben gezeigt, wer auf dem Bau wirklich das Sagen hat. Die erfolgreichen Mobilisierungen blockten den Angriff der Baumeister auf das Rentenalter ab. Im Gegenzug wollen diese Parasiten u.a. die Arbeitszeitregelung über den Haufen werfen und fordern konstante Verfügbarkeit, 12-Stunden-Tage und bis 300 Gratis-Überstunden im Jahr.

Die Unia weigert sich, einen Vertrag ohne substantielle Lohnerhöhung zu akzeptieren. Selbst das Angebot des Baumeisterverbands beim Status Quo zu bleiben, wurde nach dem Erfolg der Streiktage abgelehnt. In der Folge mussten die Verhandlungen unterbrochen werden und die Baumeister eine Generalversammlung einberufen, um ihr weiteres Vorgehen zu beschliessen. Das Resultat dieser Verhandlungen war bis Redaktionsschluss noch ausstehend. Es scheint, als würde die «grösste Bauarbeiter-Mobilisierung seit mehr als zehn Jahren» (Unia) Wirkung zeigen.

Doch die Mobilisierung offenbart regionale Unterschiede. Die jahrelange gewerkschaftliche Aufbauarbeit in der Romandie und im Tessin zeigt Erfolg: So fanden die Streiktage bei den Bauarbeitern stärkere Unterstützung und wurden im Fall von Genf sogar um einen Tag verlängert. Diese Tradition einer starken gewerkschaftlichen Basis hat bereits in der Vergangenheit zu besseren Bedingungen in kantonal ausgehandelten Zusatz-GAVs geführt.

In Anbetracht der schwachen Verankerung der Unia bei den Deutschschweizer ArbeiterInnen war die erfolgreiche Mobilisierung in Bern und Zürich überraschend. Das zeugt von der Wut, die auf den Baustellen vorhanden ist – auch bei den jungen Bauarbeitern. Diese beteiligten sich insbesondere in Zürich aktiv am Streik. Ein erfolgversprechendes Zeichen für die Zukunft des gewerkschaftlichen Kampfes, auf dem unbedingt aufgebaut werden muss!

Ist vertragslos verträglich?
Die Situation scheint sich zuzuspitzen. Doch wenn wir uns mit dem vertragslosen Zustand befassen, wird klar: Vor einer Baubranche ohne Gesamtarbeitsvertrag haben beide Seiten Angst. Bei den Baumeistern dominiert das Unbehagen vor dem verschärften Konkurrenzkampf untereinander.

Bei der Unia hingegen steht mehr auf dem Spiel, in erster Linie ihre materielle Grundlage. Der vertragslose Zustand würde zum Wegfall der GAV-Vollzugskosten im gehobenen zweistelligen Millionenbereich führen, womit grösstenteils der gewerkschaftliche Apparat finanziert wird. Eine Baubranche ohne GAV hätte folglich Stellenabbau bei den GewerkschaftssekretärInnen zur Folge, aber potentiell auch einen Mitgliederrückgang aufgrund gestiegener Kosten bei geringerer Leistung.

Erfreulich wäre zwar der Wegfall der lähmenden Friedenspflicht, denn so könnten die Bauarbeiter endlich wieder uneingeschränkt für ihre Rechte kämpfen. Doch ein Streik ist mit viel (finanziellem) Risiko verbunden – für die Arbeitenden und die Gewerkschaften. Das nimmt nur in Kauf, wer wirklich von seiner Sache überzeugt ist und auf die eigene Stärke vertraut. Genau das bedarf einer kämpferischen Gewerkschaftsbasis und somit einer guten Verankerung der Unia auf den Baustellen. Davon sind wir in der Deutschschweiz noch weit entfernt.

Was tun?
Für wirkliche Verbesserungen muss Druck aus der Basis kommen. Früher war dies in der Baubranche der Fall, weshalb der Landesmantelvertrag (LMV) so gut ist. Auch die Sonderkonditionen, die in Genf und im Tessin verhandelt werden, zeigen das. Aber vor dem Hintergrund der Krise stagniert der LMV seit 2006.

Der erfolgreiche Kampf für einen besseren Vertrag setzt voraus, dass die Bauarbeiter aktiv in die Verhandlungen miteinbezogen werden. Die erste Priorität der Gewerkschaft muss der Aufbau von Betriebsgruppen auf den Baustellen sein. Dort kann eine kämpferische Linie entwickelt werden, deren Druck am Verhandlungstisch spürbar ist. Umgekehrt heisst das aber auch, dass die Verhandlungen auf die Baustellen getragen und dort diskutiert werden müssen.

Die zentrale Stellung des LMV für die Unia – und die Schweizer Wirtschaft – bedeutet, dass hier wichtige Erfahrungen gesammelt werden. Diese müssen in anderen Sektoren ebenfalls angewandt werden. Und wenn die Gewerkschaft nicht bereit ist, diesen Kampf voranzutreiben, dann liegt es an den Bauarbeitern, selbst Hand anzulegen.

Helena Winnall
JUSO Stadt Zürich

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