Das Unternehmen Symetis hat die Verlagerung seiner Waadtländer Produktionsstätte angekündigt. Diese Geschichte erzählt das tragische Schicksal von Arbeitsplätzen, die im Namen des neuen Wirtschaftsmodells, dem die Kapitalisten huldigen, geopfert worden sind.

«Gründet Start-ups», sagten sie; «dies wird Arbeitsplätze schaffen», sagten sie. Die Symetis, eine in Écublens VD angesiedelte Herzklappenproduzentin, kündigte am 20. November 2019 an, ihre Produktion nach Irland auszulagern. Hinter dieser Entscheidung steckt Boston Scientific. Der multinationale amerikanische Medizintechnikhersteller hat Symetis im Jahre 2017 aufgekauft. 125 Arbeitsplätze würden der Verlagerung der Produktionsstätte geopfert werden.

Die Angestellten wandten sich an die Gewerkschaft Unia, um von dieser in den Verhandlungen unterstützt zu werden. Ihre Teilnahme lehnte die Firmendirektion jedoch ab.

Trotz mangelnder Erfahrung und gewerkschaftlicher Unterstützung kämpften die ArbeiterInnen für ihr Recht auf Arbeitsplätze und organisierten Gegenwehr – und traten am 11. Dezember mit nicht weniger als 70 Angestellten in den Streik, der trotz Druck von oben acht Tage anhielt. 

Dieser Druck reichte bis zu Entlassungsandrohungen, da der Streik illegal sei. Tatsächlich behauptete die Firmenführung, dass noch Gespräche stattfänden und somit derartig radikale Massnahmen vonseiten der Arbeitenden nicht gerechtfertigt wären. Die sogenannten «Diskussionen» waren für die ArbeiterInnen der reine Hohn: In Wahrheit handelte es sich um eine «Ideenbox», in die jeder Angestellte Vorschläge deponieren durfte, wie die Arbeitsplätze gerettet werden könnten.

Obwohl die Angestellten die Arbeit wieder aufgenommen haben, beweist dieser Streik, dass es in der Schweiz trotz der mangelnden gewerkschaftlichen Organisierung und Kampferfahrung möglich ist, dass ArbeiterInnen Angriffe mit Streiks kontern.


Das Paradebeispiel eines erfolgreichen Start-ups

Symetis war 2001 mit dem Ziel gegründet worden, künstliche Herzklappen zu entwickeln. Nach zehn Jahren Recherche und Entwicklung hat das Unternehmen seine erste künstliche Herzklappe auf den Markt gebracht, der mit grosser Begeisterung auf dieses bahnbrechende Produkt reagierte. Schliesslich wurde Symetis 2017 von Boston Scientific aufgekauft. Erst seit jenem Zeitpunkt kann man tatsächlich von einem Start-up sprechen, da diese Art von Unternehmen hauptsächlich nach der Entwicklung eines Produktes oder einer innovativen Dienstleistung strebt, um dieses anschliessend im Hinblick auf den eigenen Aufkauf durch ein grösseres Unternehmen zu kommerzialisieren. Dieses Start-up-System ist für beide beteiligte Kapitalisten, den Gründer und den Käufer, vielversprechend: Dem Gründer erlaubt diese Strategie, sich durch den Verkauf der Innovation in kurzer Zeit eine grosse Menge an Kapital anzueignen. So hat der Verkauf von Symetis 435 Millionen Franken eingebracht. 

Für das aufkaufende Unternehmen besteht der Vorteil darin, nicht mehr die Kosten des Recherche- und Entwicklungsprozesses sowie die Risiken eines geschäftlichen Fehlschlages tragen zu müssen. Des Weiteren können die Start-ups oftmals auf öffentliche Infrastrukturen wie Spitäler und Universitäten zurückgreifen und von diesen profitieren. So wäre im Fall von Symetis die Entwicklung der Herzklappen ohne das Material der EPFL und den am CHUV (Unispital Waadt) getätigten Tests wesentlich teurer ausgefallen.

Die Monopolisierung der sich im Wachstum befindenden Sektoren

Der Entscheid zur Verlagerung der Produktionsstätte gründet darin, dass Boston Scientific im Laufe der letzten Jahre eine Grosszahl an Unternehmen aufgekauft hat, die im Sektor der medizinischen Technologie tätig sind. Diese Quantität an Neuerwerbungen erklärt sich dadurch, dass dieser Industriesektor im letzten Jahrzehnt stark gewachsen ist, was den Kapitalisten eine grosse Gewinnspanne verspricht. Boston Scientific erhofft sich durch den Erwerb dieser Unternehmen dank des Skaleneffektes produktiver und profitabler zu werden, indem es die Produktionsstätten zusammenlegt. Die Wahl Irlands als Ort der Zentralisierung der Produktion hat sich daraus ergeben, dass die Arbeitskräfte einerseits qualifiziert, die Unternehmenssteuern andererseits extrem tief sind, was für Kapitalisten ebenfalls eine Profitsteigerung mit sich bringt.

Die von Symetis betriebene Auslagerung stellt also keineswegs eine Ausnahme dar. Im Gegenteil entspricht sie einer Strategie, die perfekt die momentanen Bedürfnisse der Kapitalisten befriedigt. Die Profite werden maximiert, indem Last und Risiko der Forschung den Start-ups übertragen und dann die Produktionskette zentralisiert wird. In dem Sinne: Gründet Start-ups, geblendet vom Traum, der neue Steve Jobs zu werden, ganz egal ob man dafür 125 Arbeiter opfern muss!

Robin Magnusson
ASEMA Genf

Bild: flickr arbyreed (CC BY-NC-SA 2.0)

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