Der Mythos des Konservatismus der US-amerikanischen Arbeiterklasse wird gerade von ihr selbst widerlegt. Überall in den USA brechen Streiks aus. Die US-Arbeiterklasse, einer der Hauptakteure der Weltrevolution, hat begonnen sich zu bewegen.

Trotz Lockdown in New York und schnell ansteigenden Infektionszahlen wurden im Amazon-Verteilzentrum in Staten Island Ende März kaum Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Der Bereichsleiter Christian Smalls organisierte daraufhin einen Walkout mit mehreren Dutzend seiner KollegInnen. Am gleichen Tag wurde ihm gekündigt – er habe durch sein Verhalten die Gesundheit seiner Mitarbeitenden gefährdet. Die Tatsache, dass Amazon nichts für die Arbeitenden tat, Corona-Fälle verheimlichte und ihm unter scheinheiligen Gründen kündigte, obwohl er versuchte, seine Mitarbeitenden zu schützen, radikalisierte Smalls. Sein Leben habe sich verändert und er werde nicht aufhören zu kämpfen. Jeff Bezos habe keine Macht ohne die Arbeitenden. Er ist sich sicher: «Wir starten eine Revolution!»

Eine historische Krise des US-Kapitalismus

Bereits vor der Corona-Krise glich die Situation in den USA einem Pulverfass. Die aufbrechenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Widersprüche der letzten Jahrzehnte führten zu einer weit verbreiteten Unzufriedenheit und Polarisierung der Gesellschaft. Ein Ausdruck des wachsenden Unmuts war die in den letzten zwei Jahren steigende Streikaktivität, mit über einer halben Million Beteiligten. Fast 50’000 ArbeiterInnen bei General Motors führten letzten Herbst 40 Tage lang den längsten Streik seit 50 Jahren.

Auf diese explosive Situation traf der Ausbruch des Corona-Virus. Er löste die sich bereits andeutende Wirtschaftskrise aus. Die Tiefe der einbrechenden Wirtschaftskrise deutet an, dass die fettesten Rettungspakete in der US-Geschichte die Depression nicht abwenden können. Diese trifft die ArbeiterInnen hart. Innerhalb weniger Wochen ist die Zahl der Arbeitslosen in den USA nun um über 35 Millionen angestiegen – Tendenz stark steigend. 20 Prozent der Haushalte können ihre Kinder nicht mehr genügend ernähren. Millionen AmerikanerInnen sind dem Virus schutzlos ausgeliefert. Sie besitzen keine Krankenversicherung, und ohne Job kann sich kaum jemand einen Arztbesuch leisten.

Der Kapitalismus in den USA steckt in der wohl grössten Krise ihrer gesamten Existenz. Die daraus resultierende Not der Menschen zwingt sie zum Handeln. Im ganzen Land, in Busdepots, Supermärkten, Restaurants, Instacart, in Schlachthöfen und in vielen weiteren Betrieben gab es in den vergangenen Wochen Walkouts und Streiks. Die ArbeiterInnen fürchten nicht mehr die Reaktion der Bosse, sondern sich um ihr Leben und das ihrer Nächsten. Es fanden in den letzten Monaten bereits über 200 sogenannte «wilde Streiks» statt – Streiks, die nicht von einer Arbeiterorganisation angeführt werden. Obwohl diese ArbeiterInnen unorganisiert sind, beginnen sie zu kämpfen. Sie lernen, dass sie nur auf sich selber vertrauen können.

Die ArbeiterInnen wissens besser

Viele der aktuellen Arbeitskämpfe drehen sich um grundlegende Forderungen wie die Einhaltung des Social Distancing, das Bereitstellen von Masken und Handschuhen oder den Schutz von RisikopatientInnen. So auch bei Amazon. Die Firma und ihre Tochterunternehmen behaupten, sie könnten sich diese Forderungen nicht leisten – sie verzeichnen aber seit Beginn der Krise Rekordeinnahmen, und Amazon-Chef Jeff Bezos wird in fünf Jahren voraussichtlich der erste Billionär sein. Das ist ein Schlag ins Gesicht für die Angestellten, der sie wachrüttelt. Millionen von ihnen erfahren gerade hautnah ein kapitalistisches Grundgesetz: Die Profite sind wichtiger als die Gesundheit der ArbeiterInnen.

Die ArbeiterInnen erkennen, dass niemand ihnen etwas schenkt, weder das Unternehmen noch der Staat. Sie müssen selbst für ihre Gesundheit sorgen. An vereinzelten Arbeitsplätzen haben sich deshalb Komitees gegründet, welche die Einhaltung der Sicherheitsmassnahmen überwachen. Krankenschwestern in Massachusetts hatten genug von den Lügen und der Unfähigkeit der Geschäftsführungen der Spitäler und begannen kurzerhand, Masken und sonstiges Material selbst zu verwalten und zu verteilen.

Nicht nur stehen die Forderungen der ArbeiterInnen im Gegensatz zu dem, was die Kapitalisten wollen. Diese Kontrolle durch die ArbeiterInnen greift die Herrschaft der Patrons in den Betrieben an. Dagegen wehren sich die Kapitalisten.

Die Bourgeoisie schlägt zurück

Die Unternehmensführung eines Spitals in North Carolina, indem sich die Pflegerinnen gewerkschaftlich organisierten, stellte für 400 Dollar pro Stunde Leute an, welche die MitarbeiterInnen in obligatorischen Gesprächen überzeugen sollen, dass Gewerkschaften schädlich sind – während der Arbeitszeit und trotz Personalmangel! Das Lebensmittelgeschäft Whole Foods, eine Tochterfirma von Amazon, gab Millionen Dollar für Technologien aus, die ArbeiterInnen überwachten und die Wahrscheinlichkeit berechneten, dass sie sich gewerkschaftlich organisieren.

Die ArbeiterInnen sehen, dass die Bosse mehr Geld dafür verwenden, sie niederzuhalten, statt die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Die Fronten sind für alle Beteiligten glasklar: Die sich direkt widersprechenden Klasseninteressen treten offen zutage; die geführten Kämpfe sind klare Klassenkämpfe. Und diese Kämpfe sind erst das Vorspiel.

In die Offensive

Dieser Klassenkampf wird sich in Zukunft noch verschärfen. Einerseits zwingt die hereinbrechende Krise die Kapitalisten zu Angriffen auf die ArbeiterInnen. Eine schnelle Erholung wird es nicht geben. Die Krise und damit die Angriffe werden sich über Jahre hinziehen.

Andererseits treffen die Angriffe auf eine Arbeiterklasse, die in den letzten Monaten und Jahren begonnen hat, sich zu bewegen. Zehntausende Leute treten das erste Mal in eine Konfrontation am Arbeitsplatz und sammeln wertvolle Erfahrungen. Durch die Kämpfe entwickeln sie ein Selbstbewusstsein, eine Bewusstsein für die eigene Rolle und Bedeutung in der Gesellschaft. Sie beginnen ihre eigene immense Kraft zu spüren. Die wohl bedeutendste Arbeiterklasse der Welt hat begonnen, sich als Klasse zu bewegen – sie wird die Erde zum Beben bringen.

Das volle Potenzial entfalten

Die aktuellen Kämpfe haben bewiesen, dass der Kapitalismus der Arbeiterklasse keinen Ausweg bieten kann. Sie haben aber auch bewiesen, dass die ArbeiterInnen fähig und dazu bereit sind, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und zu kämpfen. Doch die Spontanität der Kämpfe hat ihre Grenzen. Vereinzelt entfaltet die Klasse nicht ihre volle Stärke und die Kapitalisten sind gut organisiert. Was die Arbeiterklasse braucht, ist eine Organisation, welche die Konkurrenz zwischen den ArbeiterInnen aufhebt und die Kämpfe um die Kontrolle im Betrieb verallgemeinert. Eine Organisation, welche die Kämpfe weitertreibt, wenn sich die Kapitalisten wehren – die also die Notwendigkeit der Enteignung der Kapitalisten, der Verstaatlichung unter demokratischer Arbeiterkontrolle und schlussendlich der Machtübernahme durch die Arbeiterklasse als einzigen Ausweg aufzeigt. Die Arbeiterklasse kann und muss die Produktion selbst in die Hand nehmen und den Weg Richtung Sozialismus beschreiten. Dass sie das Potenzial dazu hat, hat sie soeben bewiesen.

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