Vor 101 Jahren wurde die III. Internationale gegründet. Sie hatte das Ziel, die sozialistische Revolution auf der ganzen Welt auszubreiten. Eine Welle der Radikalisierung schwappte über Europa, bis in die SP und ihre Jugendorganisation. Doch wieso führte der Elan nicht zum Aufbau einer starken Kommunistischen Partei?

«In der gegenwärtigen revolutionären Epoche kann der proletarische Kampf nur siegreich sein, wenn er international geführt wird. Das gilt auch für den Kampf der Jugend. Darum schliessen sich die politischen Jugendorganisationen zur kommunistischen Jugendinternationale zusammen.» So stand es im Gründungsprogramm der Kommunistischen Jugendinternationale vom 20. November 1919. Für die damalige JUSO war der Beitritt eine klare Sache. Vor 100 Jahren, am 5. April 1920, wurden sie offiziell zum «Kommunistischen Jugendverband der Schweiz». Während des Ersten Weltkriegs war die sozialistische Jungpartei zu einer schweizweit verankerten Organisation geworden und zählte bis zu 5’000 Mitglieder (seit 1911 auch Frauen). Sie stand auf starken Füssen und am linken Rand der Schweizer Arbeiterbewegung.

Wie hätte die JUSO ihre Mitgliedschaft in der Komintern dafür einsetzen können, in der Schweiz eine starke revolutionäre Partei aufzubauen?

Erster Weltkrieg: der grosse Verrat
Die Kriegsjahre hatten die internationale Arbeiterbewegung auf den Prüfstein gestellt. Bis 1914 bestanden grosse Hoffnungen unter den Lohnabhängigen, vor allem in den entwickelten kapitalistischen Ländern, dass ihre Internationale den Sozialismus erkämpfen würde. Die II. Internationale, der Zusammenschluss aller sozialistischen Parteien und deren Jugendorganisationen, veranstaltete Kongresse und verabschiedete Resolutionen, wo von Klassenkampf, Generalstreik und Revolution die Rede war. Sie versprachen sich gegenseitig, im Kriegsfall in den Streik zu treten.

Als jedoch 1914 der Krieg ausbrach, waren die schönen Worte plötzlich nichts mehr wert und die Führer der Sozialdemokratie ordneten sich der nationalen Einheit unter. Es gab wenige Ausnahmen, doch die Schweizer SP gehörte nicht dazu. Sie schloss mit der Bourgeoisie einen «Burgfrieden» und bekannte sich zur Landesverteidigung, d.h. zur Verteidigung der kapitalistischen Schweiz.

Anders die sozialistische Jugend, die heutige JUSO. Obschon die Schweiz von den Kriegshandlungen verschont blieb, entwickelte sie unter der Führung von Willi Münzenberg eine vorbildliche Antikriegspropaganda in der Tradition des Antimilitarismus. Die JUSO verteidigte keinen kleinbürgerlichen Pazifismus, welcher den Soldaten Moral predigte und ihnen die Schuld gab. Sondern sagte klar, dass die Ursache für den Krieg der Imperialismus ist. Der Gegner war also die Kapitalistenklasse, in der Schweiz genauso wie in den anderen Ländern. Für die Jugend veranstaltete die JUSO Diskussions- sowie Bildungsveranstaltungen und organisierte Anti-Kriegsdemonstrationen. Jene vom 1. August 1916 stellte sie den mit Säbeln bewaffneten Ordnungskräften gegenüber und wurde als «Bluttaufe» bezeichnet.

Doch eine starke Organisation zeichnet sich nicht vornehmlich im Strassenkampf aus, sondern durch ihre theoretische Korrektheit und eine Praxis, die den Klassenkampf vorantreibt. Um diesen Kampf nachhaltig zu führen, braucht die Partei jedoch ein klares Verständnis der Situation, des Kräfteverhältnisses und der Taktik.

Lenin heilt die Jugend vom Anarchismus
Die JUSO war lange ein Abbild der SP selbst: Theoretisch schwach, durchsetzt mit einigen radikalen Rednern, aber wenig Konsequenz. Das änderte sich mit dem aus Deutschland kommenden Parteisekretär Münzenberg. Es ist eine Konstante in der Geschichte der Schweizer Arbeiterbewegung, dass die korrekten Ideen von aussen (von MigrantInnen und ExilantInnen) hineingetragen wurden. So leitete Münzenberg die Phase ein, in der sich die JUSO richtige Strukturen gab und an Radikalität zulegte. Doch theoretisch blieb die Jugendorganisation noch lange verwirrt. Ein glücklicher Zufall führte dazu, dass Lenin und Trotzki, die späteren Organisatoren der Oktoberrevolution Russlands, in der Schweiz im Exil waren. Sie hielten viele Vorträge und brachten sich in die aktuellen Debatten ein. Vor allem Lenin nahm sich auch viel Zeit, um die Jugend politisch auszubilden. Dieses Privileg kam aber nicht nur der JUSO zu. Auch die Linken in der SP, einigen Gewerkschaften und der linksradikalen Gruppe um Joggi Herzog widmete der russische Marxist einige Aufmerksamkeit. Er diskutierte mit ihnen die Notwendigkeit von Klarheit in theoretischen Fragen, konsequentem Handeln und revolutionärer Politik. 1917 reiste Lenin nach Russland zurück, um die ausgebrochene Revolution zu Ende zu führen. Die Schweizer Linke hatte einiges von ihm gelernt, doch war sie wirklich fähig nun selbständig zu handeln? Ausserdem hatte Lenin lange nicht alle überzeugt.

Der schweizerische Generalstreik
Gegen Ende des Krieges wurde die Arbeiterklasse immer radikaler. Es kam zu mehr Streiks. Frauen organisierten sogenannte Hungerdemonstrationen. Und bei der SP und den Gewerkschaften stiegen die Mitgliederzahlen an. Die Arbeiterklasse litt Hunger und hatte genug vom Krieg, sie drängte die Führung zur Aktion: 1918 kam es zum bisher einzigen schweizweiten Generalstreik. Obwohl sich bis zu 400’000 Lohnabhängige daran beteiligten, waren die Erfolge klein. Die Arbeiterklasse war nicht vorbereitet auf diesen Kampf und die Führung beging einen üblen Verrat. Sie knickte vor dem Bundesrat ein.

Revolutionäre müssen Massenbewegungen, wie den Landesstreik, als Weckruf verstehen. Wenn die Massen die Bühne betreten, dann kann man sich nicht von ihnen abschotten und man darf sie nicht der reformistischen Führung überlassen. Es geht darum im gemeinsamen Kampf zu beweisen, dass revolutionäre Theorie einen praktischen Nutzen hat. Revolutionäre haben die historische Aufgabe, die Möglichkeiten einer solchen Situation zu nutzen. Sie dürfen sich nicht in den Kämpfen gegen die Reformisten verlieren, sondern müssen die Massen anhand von konkreten Fragen des Kampfes und der Perspektive von der Notwendigkeit der sozialistischen Revolution überzeugen. Doch ohne Lenin, und sogar ohne Münzenberg, der kurz vor dem Landesstreik ausgewiesen wurde, waren die Schweizer Linken ziemlich hilflos.

Spaltung: schlechter Ausgangspunkt
Auf sich alleine gestellt hatte die JUSO Orientierungsschwierigkeiten. Finanzielle Probleme hatten sie gedrängt, sich der SP anzunähern. Die Gründung der III. Internationale im März 1919 kam für die radikale Linke als Segen. Die Resolutionen ihrer Kongresse hätten ihr ein Fundament in Theorie und Methode geben können. Doch die Internationale konnte die Probleme der Schweizer Revolutionäre nicht für sie lösen. Trotzdem war die radikalisierte Jugend überzeugt von der fortschrittlichen Rolle der III. Internationale: Bei der Gründung der Jugendinternationale trat die JUSO geschlossen bei. Bereits 1919 hatte auch am SP-Parteitag eine Mehrheit dafür gestimmt, der Komintern beizutreten. Doch nun gingen die Manöver los: Mit einer Urabstimmung, welche sich auf die konservative Basis stützte, wurde dies rückgängig gemacht. Letztlich traten zuerst nur die Altkommunisten bei und vereinigten sich 1921 mit der SP-Linken zur Kommunistischen Partei Schweiz (KPS). Die Manöver der SP-Führung um Robert Grimm hatten ihr Ziel erreicht und die unerfahrene Führung der KPS mit einer kleinen Gruppe ziehen lassen.

Schwäche der Linken
Unter den Linken fehlte am Kriegsende so ziemlich jegliche starke Führungsfigur. Zwei Beispiele: Der linke Fritz Platten war meist in Russland und der ausgewiesene Münzenberg wurde zum Vorsitzenden der Jugendinternationalen. Leider ersetzte sie niemand als Führung der revolutionären Linken in der Schweiz.

Die grössten Defizite dieser beiden Vertrauten Lenins war, dass sie einerseits keine klare Trennung von Privatem und Politischem machten. Die freundschaftlichen Beziehungen zur SP-Leitung dämpften die Vehemenz des Kampfes gegen deren politische Fehler. Andererseits hatte vor allem Platten eine mangelhafte Auffassung von der Verbindung von Theorie und Praxis. Für Marxisten bilden diese zwei immer eine Einheit. Doch für Platten war es kein grosses Problem radikal zu reden oder schreiben, aber eine versöhnliche Praxis an den Tag zu legen. Diese persönlichen Charakterzüge waren symptomatisch für den linken Flügel der Schweizer Arbeiterbewegung, genauso wie auch die schmerzliche Absenz von starken Führungspersönlichkeiten oder TheoretikerInnen.

In der Aufbauphase der KPS und ihrer Jugend erwies sich dieses schwache Fundament als verheerend. Zwar nahmen die Schweizer KommunistInnen alle Entscheide der Internationalen ernst und führten diese aus, doch sie verstanden die Methode der Komintern nicht. Diese Methode zielte darauf ab, die Massen für die Revolution und den Kommunismus zu gewinnen. Diese Massen folgten bisher der SP. Doch für viele führende KPS-lerInnen war das wichtigste Spaltungsmotiv die Feindschaft zur SP-Führung. Sie grenzten sich vor allem von den Personen ab und nicht von deren Methoden und Politik. Deren Fehler wiederholten sie.

Rechte Manöver
Der rechte SP-Flügel hatte sich während dem Krieg ziemlich diskreditiert. Während sich die Rechten in die Gewerkschaften zurückzogen, stieg in der SP das sogenannte Zentrum um Robert Grimm auf. Grimm, der in der SP-Geschichte als links oder gar Marxist dargestellt wird, war sinnbildlich für die SP als Ganzes. In den Programmen war oft von Klassenkampf die Rede und 1920 sogar von der Diktatur des Proletariats. Doch in der Praxis wurde schon sehr lange auf die Verständigung mit der Bourgeoisie gesetzt. Es gibt also zwei sich widersprechende Tendenzen: Während die Rhetorik und das Programm radikaler wurden, sahen sich die Parteilinken immer stärker zurückgedrängt. Mit allen Mitteln verhinderten diese Zentrumsopportunisten, dass sie der Komintern beitreten mussten. Damit hätten sie sich den internationalen Beschlüssen unterzuordnen gehabt. Das hätte der opportunistischen Behandlung der revolutionären Theorie einen Riegel vorgeschoben.

Die Manöver hatten Erfolg. Bei der Spaltung gewannen die Linken nur eine Minderheit. Sinnbildlich für die Niederlage war der Umzug des SP-Parteisitzes  vom radikaleren Zürich ins moderate Bern von 1920.

Aufgaben der Linken und der Jugend
Es gibt zwei Möglichkeiten mit der Geschichte von Misserfolgen umzugehen: Man kann sich damit entschuldigen, dass die Gegner zu stark, also die objektiven Hindernisse zu gross waren. Oder man kann nach den Punkten suchen, wo Fehler gemacht wurden und sich überlegen, was in dieser Situation zu tun gewesen wäre.

Die revolutionäre Welle ab 1917, welche sich in ganz Europa ausbreitete und die Gründung der Komintern, riefen grosse Euphorie und revolutionären Eifer hervor. Da war die Schweiz keine Ausnahme. Die wirtschaftliche Situation drängte die Lohnabhängigen zum Kämpfen. So kam es 1919 sowohl in Zürich, wie auch in Basel zu Generalstreiks. In den Organisationen der Schweizer Arbeiterbewegung gab es eine starke Polarisierung und viele hatten Sympathien mit den Revolutionären. Bei der Spaltung der SP gingen grosse Teile und wichtige Sektionen zur KPS über. In Basel gewannen sie sogar die Parteizeitung.

Der Unfähigkeit entkommen
In einer solchen Situation gibt es zwei wichtige Aufgaben für die revolutionäre Linke: Erstens Klarheit in Fragen der Theorie und der Perspektive des Klassenkampfes haben. Die Komintern war eigentlich das perfekte Werkzeug dafür. Sie bot den Sektionen die Methoden, die Erfahrungen und die Theorie: Sie war das kollektive Gedächtnis des revolutionären Proletariats. Die Resolutionen ihrer Kongresse verallgemeinerten Erkenntnisse aus der kommunistischen Praxis in dutzenden von Ländern, was einen enormen praktischen Erfahrungsschatz darstellte. Nur die Anwendung selbst konnte die Internationale nicht übernehmen.

Zweitens, und das ist sowohl wichtiger als auch noch schwieriger, die schwankenden Elemente unter den Massen zu sich zu ziehen. Die Oktoberrevolution, sowie die neu gegründete Komintern, erfreuten sich riesiger Sympathie unter den Schweizer Lohnabhängigen. Von der SP und den kompromisslerischen Gewerkschaften fühlten sich in den frühen 1920er Jahren viele nicht wirklich vertreten. Sie wären bereit gewesen, sich der revolutionären Bewegung anzuschliessen. Aber nicht als Abenteuer, sondern nur auf der Grundlage von Klarheit und einem sozialistischen Programm.

Die Notwendigkeit des Ersteren haben leider zu wenige KommunistInnen begriffen und das Zweite haben die meisten, aus dem Ersten folgend, nicht zu tun verstanden. So stellten sie nie eine überzeugende Führung dar und gewannen durch ihr Zaudern nicht das Vertrauen der radikalisierten Arbeiterschichten. 

Der Wert einer revolutionären Methode
In den frühen Jahren der KPS und ihrer Jugend fehlte das Bewusstsein für den Wert und die Funktion der Internationalen. Sie kann vor allem eines geben: eine Methode. Man muss nicht alles selbst entwickeln, um es zu lernen und verstehen. 

Ziehen wir für heute die folgende Lehre aus dieser Geschichte: Es gibt Situationen, da muss man entweder vorbereitet sein oder ganze Stufen des Lernens schnell überspringen, um nicht vor der historischen Aufgabe, dem Kapitalismus den Todesstoss zu verpassen, zu versagen. Heute ist es wichtiger denn je, diese historische Aufgabe zu erfüllen. Die Geschichte lehrt uns: Unter Zeitdruck lernt es sich schwieriger. Wir haben heute noch ein bisschen Zeit uns vorzubereiten. Nutzen wir diesen Luxus! Denn in der Corona Pandemie zeigt sich, mit welcher Verachtung der Kapitalismus den Lohnabhängigen entgegentritt. Jeden Tag wird es dringender den Kampf aufzunehmen.

Michael Wepf
JUSO Basel-Stadt

Die Komintern in der Schweiz – eine kleine Chronologie

  • März 1919: Gründung Komintern in Moskau
  • August 1919: Parteitag SPS. Position Beitritt
  • 1919: Urabstimmung, Nein zum Beitritt
  • April 1920: Beitritt JUSO zur Komintern
  • Juni 1920: Altkommunisten Schweizer Kominternsektion
  • Dezember 1920: Parteitag SPS, Nein zur Komintern
  • Dezember 1920: Spaltung der SPS
  • März 1921: Gründung der KPS, Sektion der Komintern

Bild: public domain

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