Die Bewegung der Turiner Fabrikräte war der Höhepunkt der Offensive der Arbeiterklasse während der revolutionären Phase 1919-1920 in Italien. Die Perspektive auf den Übergang in eine kommunistische Gesellschaft stand weit offen.

Turin vor 100 Jahren. Im Fiat-Brevetti-Werk kommen 2’000 ArbeiterInnen zusammen, um über die Macht in den Fabriken und schlussendlich in der Gesellschaft zu diskutieren. Sie sind die ersten, die in der Industriestadt einen «Fabrikrat» bilden. Es ist ihre eigene demokratische Vertretung. Innerhalb eines Monats breitet sich die Rätebewegung wie ein Lauffeuer auf die gesamten Fiat-Werke und die Turiner Metallindustrie aus.

«Die einzig wirkliche Vertretung der proletarischen Klasse»

Ende Oktober 1919 trafen sich die Mitglieder der Exekutivkomitees der verschiedenen Fabrikräte zu ihrer ersten Versammlung. Sie vertraten 50’000 ArbeiterInnen. In ihrer Absichtserklärung hielten sie fest, dass die gewählten «Fabrikkommissare die einzige wirkliche (politische und ökonomische) Vertretung der proletarischen Klasse sind». Sie erklärten, die Fabrikräte seien die Kampfform des gesamten Proletariats zur Machtergreifung und Aufhebung des Privateigentums und stellten den ersten Schritt der kommunistischen Revolution in Italien dar. Es ginge nicht mehr darum, im gewerkschaftlichen Sinne bessere Arbeitsbedingungen auszuhandeln, sondern sich durch ständige «vor-revolutionäre Arbeit» darauf vorzubereiten, «die Autorität der Bosse am Arbeitsplatz zu ersetzen und das gesellschaftliche Leben auf eine neue Basis zu stellen». Ende des Jahres waren schon 150‘000 ArbeiterInnen in Turin in Fabrikräten organisiert.

Die Fabrikräte waren die Form, die die ArbeiterInnen gefunden haben, um sich selbst in ihrem Kampf zu organisieren. Sie waren zugleich die Keimzelle einer Gesellschaftsform, die über den Kapitalismus hinaus auf eine umfassende Arbeiterdemokratie verwies, wo die ArbeiterInnen selbst über die Produktion entscheiden. Damit kristallisierte sich in den Fabriken der Turiner Metallindustrie eine Situation der Doppelmacht heraus: Die Autorität der selbst-organisierten ArbeiterInnen stand neben der Autorität der Bosse.

Gramsci und die «Ordine Nuovo»

Die Turiner Fabrikrätebewegung war die Speerspitze des proletarischen Klassenkampfes ganz Italiens. In der turbulenten Periode nach dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution spitzte sich der Klassenkampf in einer Vielzahl von Ländern bis aufs Höchste zu. Italien war keine Ausnahme. Die bürgerliche Ordnung lag am Boden. Im Biennio Rosso, den «zwei roten Jahren» 1919 und 1920, stand die Machtergreifung der Arbeiterklasse in Italien zum Greifen nah.

Massgeblichen Anteil an der Entwicklung der Turiner Rätebewegung hatten Antonio Gramsci und seine Gruppe rund um die Zeitung «L‘Ordine Nuovo». Gramsci hatte bereits den ganzen Sommer in den Spalten ihrer Zeitung die Erfahrungen der Sowjets (russ. «Räte») in Russland und Ungarn verbreitet. Er war überzeugt, dass auch in Turin die Energie der proletarischen Massen nur eine geeignete Form finden muss, um sich ausdrücken zu können.

Gramsci hatte die Lektionen der Russischen Revolution besser verstanden als seine GenossInnen in der italienischen Arbeiterbewegung. Richtigerweise erkannte er in den Fabrikräten den Keim eines kommenden Arbeiterstaates. Es ging nicht darum, den bestehenden Staat zu übernehmen. Es ging darum, ihn zu ersetzen durch einen eigenen Arbeiterstaat, in dem sich die grosse Mehrheit der Bevölkerung, die Arbeiterklasse und die armen Bauern, in demokratischen Räten selbst regieren.

Turin wird isoliert

Aber Gramsci wie auch den bewusstesten Arbeitern in Turin war klar, dass sich die Fabrikrätebewegung ausbreiten muss, um Erfolg haben zu können. Einerseits mussten sich die Rätestrukturen von den Fabriken auf Quartierräte und nationale Rätekongresse ausweiten. Andererseits war es eine Notwendigkeit, dass die Kämpfe der IndustriearbeiterInnen Norditaliens mit den Kämpfen der armen Bauern im restlichen Land verbunden werden.

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Doch die Turiner Arbeiterbewegung blieb isoliert. Sie stiess auf den heftigen Widerstand der bürokratischen Führungen der traditionellen Arbeiterorganisationen ausserhalb von Turin. Diese wollten vom revolutionären Potential der Turiner Räte nichts wissen. Die Bürokraten der reformistischen Gewerkschaft CGL, der mächtigsten Organisation der italienischen Arbeiterbewegung, fürchteten in jeder Aktion der demokratischen Selbstorganisierung der ArbeiterInnen den Verlust ihres Einflusses auf die Arbeiterbewegung. Eine üble Hasskampagne schoss den Turiner ArbeiterInnen entgegen.

Auch die nationale Führung der Sozialistischen Partei, die doch immer mit grossen revolutionären Parolen auffuhr, war nicht bereit, die Rätebewegung zu unterstützen. Noch nicht einmal Amadeo Bordiga, der bedeutendste Vertreter des kommunistischen Flügels in der Partei, erkannte in den Räten den Keim eines Arbeiterstaates im Übergang zum Kommunismus. Sie alle sahen die Aufgabe der Revolution als die ausschliessliche Aufgabe der Partei an; sie alle hatten die grundlegende marxistische Einsicht nicht verstanden, dass die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiterklasse selbst sein muss.

April-Streik: Der Verrat der Reformisten

Im März 1920 beschlossen die Kapitalisten, die Fabrikräte zu zerschlagen. Auf die Offensive der Bosse reagierten die Turiner ArbeiterInnen im April mit einem fast einmonatigen Streik in der Metallindustrie und einem zehntägigen Generalstreik. Sie wussten, dass es in dieser Konfrontation um die Existenz der Fabrikräte und damit um die Machtfrage in den Fabriken ging. Der Turiner Arbeiterbewegung schlug die geballte Kraft der Kapitalisten und ihres Staates entgegen. Turin wurde militärisch besetzt.

Aber die reformistischen Gewerkschaften und die Sozialistische Partei weigerten sich, den Turiner ArbeiterInnen, zu Hilfe zu kommen. Gegen den Willen der Fabrikräte verhandelte die nationale Führung der CGL mit den Bossen – und akzeptierte die Wiederherstellung der Autorität der Kapitalisten! Sie führte die Arbeiterbewegung direkt in eine schmerzende Niederlage.

Machtergreifung oder schwärzeste Reaktion

Gramsci hatte es verpasst, innerhalb der Sozialistischen Partei eine Gruppe aufzubauen, um auch national Einfluss für seine ansonsten korrekten Positionen zu nehmen. Erst in diesen Erfahrungen schloss er auf die Notwendigkeit einer revolutionären Partei, die die Kraft des Proletariats gezielt auf die Machtergreifung lenkt. Damit fehlte den Turiner Sozialisten der Hebel für die Ausweitung der Bewegung. Dieses Versäumnis ändert nichts daran, dass er im April 1920 von allen am klarsten erkannte, was auf dem Spiel stand:

«Die jetzige Phase des Klassenkampfes in Italien ist ein Moment, der entweder der Machtergreifung durch das Proletariat zwecks Übergang zu einem neuen Produktionssystem oder aber dem Übergang der Eigentümer- und Bürokratenklasse zu schwärzester Reaktion vorausgeht. Im letzteren Fall werden sämtliche Formen der Gewalt in Bewegung gesetzt werden, um das Industrie- und Landwirtschaftsproletariat in das Sklavenjoch der Lohnarbeit zu spannen. Auch werden sämtliche Organe des politischen Kampfes der Arbeiterklasse (die sozialistischen Parteien) auf das unerbittlichste vernichtet.»

Im September 1920 erlebte die revolutionäre Bewegung mit den Fabrikbesetzungen in den Industriestädten Norditaliens noch einmal einen Höhepunkt. Der erneute Verrat der CGL-Führung und die Passivität der Sozialistischen Partei führten zum Ausbleiben der Machtergreifung in diesem Moment des Entweder-oder. Bereits kurz nach der Septemberniederlage machten sich faschistische Milizen an die gewaltsame Zerschlagung der Arbeiterorganisationen. Nur zwei Jahre später griff Benito Mussolini nach der Macht. Gramscis Perspektive von der schwärzesten Reaktion wurde zur tragischen Realität.

Von Martin Kohler
Juso Stadt-Bern

Bild: Wikipedia

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