Das Pflegepersonal rüstet sich zum Kampf und fordert mehr als Applaus. Bereits im Frauenstreik 1991 und davor erlebte diese Berufsgruppe eine Radikalisierung. Am Beispiel Basel schildern wir diese Entwicklungen.

«Also in der Freizeit sollen wir ihrer Meinung nach streiken! […] wir lassen uns wenn nötig während der 2 stündigen Aktion von unserer Arbeit ablösen, um die Sicherheit der PatientInnen zu garantieren, lassen uns aber nicht Überstunden dafür abziehen! Frauen, die an diesem Tag frei haben, schreiben (mindestens) 2 Überstunden auf. STREIKEN IST ARBEIT, NICHT FREIZEIT!» 

Dieses Zitat stammt aus einer Sitzung der Arbeitsgruppe (AG) «Frauenstreik an den Basler Spitälern» vom April 1991, deren Protokolle im Basler Staatsarchiv liegen. Die Teilnehmenden entrüsteten sich dabei über die Weisung des Regierungsrates, die «Streikteilnahme» durch Kompensation von Überzeit und «grosszügige» Schichtzuteilung (Freizeit) zu erlauben. Also ein Streik, der den Betrieb nicht stören soll. Unter den Pflegerinnen war aber ein Kampfgeist entfacht. Woher kam diese Radikalität der Spitalangestellten?

Kampf in der Klinik

Die Pflegebranche erlebte in den zwei Jahrzehnten vor 1991 eine zunehmende Arbeitsteilung und ein starkes Wachstum beim fast gänzlich weiblichen Personal. Im Beruf sahen sich die Frauen mit sexistischen Rollenbildern konfrontiert, welche die Pflege als natürliche Berufung und Sinnfindung der Frau darstellten. Dies diente dazu, tiefe Löhne zu rechtfertigen. Gleichzeitig wurde von den Pflegerinnen weiterhin erwartet, die Hausarbeit, Kinder- und Altenpflege in der Familie zu stemmen.

Ab 1986 organisierten Spitalangestellte schweizweit Demos mit hunderten, teils tausenden Teilnehmenden und gründeten Aktionsgruppen in vielen Pflegeinstitutionen. Sie forderten Reallohnerhöhungen, Arbeitszeitreduktion und Schichtzulagen. Sie protestierten gegen Personalmangel, hierarchische Strukturen und wachsenden Leistungsdruck. Weder die Spitalleitungen noch die Gewerkschaften hatten diese Entwicklung erwartet.

Streiken oder nicht?

Die Basler AG entstand an einer Versammlung des Pflegeberufsverbands SBK im Februar ‘91. Die Führung stellte sich gegen eine Arbeitsniederlegung. Die Basis wollte sich die Möglichkeit mindestens offen lassen. Unter anderem hatten sie die Idee, «den unbezahlten Teil der Arbeit (Zuwendung, Trost, Beziehungsarbeit) für den Tag zu verweigern» und wählten den Slogan «Verheizte Schwestern geben keine Wärme».

Die Frage, was ein Streik in der Pflege wirklich bedeutet, beschäftigte die Pflegenden noch länger. Der SBK beschränkte sich von Beginn an auf symbolische Aktionen. Der Frauenstreik wurde in der Vorbereitung immer wieder als «Aktionstag», ohne Arbeitsniederlegung, bezeichnet. Dem gegenüber stand die kämpferische Streikstimmung der PflegerInnen. Die AG entwickelte für das Unispital einen konkreten Vorschlag, welche Arbeiten bestreikt werden sollten und welche nicht: Durch einen Notfalldienst sollte die Sicherheit der PatientInnen jederzeit gewahrt werden. Nebst der teilweisen Arbeitsverweigerung sollte von 11 bis 13 Uhr eine Protestpause, also ein klassischer Streik, stattfinden.

Dieser Plan sorgte für rote Köpfe, wohl vor allem bei Direktion und Gruppenleitungen. Letztere stiessen sich an den strikten Vorgaben. Auch ein Teil des Personals war offenbar verwirrt. Darauf schrieb die AG einen offenen Brief, der die Verbindlichkeit abschwächte. Den Stationen sei es freigestellt, welche Arbeiten sie ausführen wollten. Diese Episode zeigt, wie wichtig den PflegerInnen das Wohl der PatientInnen war und dass es viel Überzeugungsarbeit und Vorbereitung braucht. Trotzdem fanden sie einen Weg, die Arbeit teilweise zu bestreiken und eine Protestpause durchzuführen.

Entlastung statt Doppelbelastung!

Rund 700 Pflegerinnen versammelten sich am 14. Juni im Garten des Unispitals zur Protestpause und nahmen als ein «Meer weisser Schürzen» an der Abschlussdemo am Nachmittag teil. Das Mittagessen wurde symbolisch von der Spitaldirektion serviert. Die Protestierenden stellten an die Direktionen des Unispitals, der Psychiatrischen Universitätsklinik und den Regierungsrat einen Katalog von Forderungen. Unter anderem das «Ende der geschlechterspezifischen Berufe», bezahlte Deutschkurse für ausländische Kolleginnen, kein höheres Frauenrentenalter, eine Anlaufstelle für sexuelle Belästigung, einen Elternurlaub, Teilzeitarbeit für Mann und Frau in allen Berufen, Krippen und Tagesstrukturen nach den Bedürfnissen der Mütter, sowie einen Einkaufs- und Wäscheservice für Alleinerziehende. Diese Forderungen sind noch heute nicht erreicht.

In jedem sozialen Kampf ist es zentral, die Erfahrungen und Erkenntnisse zu bewahren und zu verbreiten. So entwickeln sich die Traditionen des Klassenkampfs. Die Gewerkschaften als primäre Organisationen der Lohnabhängigen haben diese Aufgabe hier aber versäumt. 1991 wurde gestreikt. Daran gilt es, heute anzuknüpfen.

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