Der französische Mai war «nur» der Startschuss. Das Jahr 1968 läutete in Europa eine 10-jährige Periode des Klassenkampfes ein. Diese Welle von Massenbewegungen dauerte, grob umrundet, von Ende der 60er Jahre bis zum Niederschlagen des britischen Bergarbeiterstreiks von 1984/85. Dabei kämpften die Lohnabhängigen und Studierenden nicht nur gegen die Bourgeoisie und ihren Staat. Überall wurde die Kampfbereitschaft der ArbeiterInnen und der Jugend von den bestehenden linken Massenorganisationen gebremst. Während dieser Periode entstanden europaweit linke Organisationen, welche die Politik der sozialdemokratischen und stalinistischen Parteien radikal in Frage stellten. Leider lieferten sie keine Antwort, welche den Lauf der Geschichte entscheidend ändern konnte. Deshalb stellen sich viele der gleichen Fragen auch heute noch.Während des Nachkriegsbooms (siehe „Boom bis es platzt“ in der Zeitung) hatten sich die KPs in Frankreich und Italien mit dem bürgerlichen Regime abgefunden und wollten darin höchstens noch Parlamentssitze erobern. In Deutschland und der Schweiz integrierten sich die Sozialdemokraten zunehmend in den Staatsapparat. Grundsätzlich hatte ihre Politik die gleichen Mängel: Sie weigerten sich alle, mit der Logik und den Regeln des kapitalistischen Systems zu brechen. Der Generalstreik in Frankreich wurde von der KP beendet – damit die Partei an den Wahlen Ende Juni teilnehmen konnte!

Das war das Resultat einer instinktiven Suche nach einer Praxis,welche ihre alltäglichen Probleme beantworten konnte.

Während den “langen Siebzigerjahren” wurden die ArbeiterInnen selber aktiv, weil sie unter der Intensivierung der Ausbeutung und später unter der Rezession litten. Ihre Organisationen schufen dabei keine grundsätzliche Abhilfe. Deshalb begnügten sie sich während den grossen Kämpfen nicht mehr mit der Stellvertreterpolitik. Das war das Resultat einer instinktiver Suche nach einer Praxis, welche ihre alltäglichen Probleme beantworten konnte.

In der Hitze des Gefechtes – egal ob Frankreich, Italien oder der Schweiz – wurden die Organisationen von der ArbeiterInnenklasse getestet. Verschiedene Schlussfolgerungen wurden gezogen. In Frankreich verlor die KP die Wahlen Ende Juni 68 haushoch. Ein Teil ihrer UnterstützerInnen suchte nach linken Alternativen, ein anderer Teil wandte sich angesichts dieses Verrats desillusioniert ab.

Die gleiche Auseinandersetzung führte europaweit zum Aufstieg von Organisationen, welche links von der traditionellen Linken standen. In Frankreich die Maoisten in der Periode 65-74 und in Italien die Operaisten 69-76. Auch wenn es in Deutschland keine KP gab (sie war 1954 verboten worden) machte der Studentenbund SDS eine ähnliche Entwicklung durch und wurde zum Anziehungspunkt. In Grossbritannien entstand ein linker Massenflügel innerhalb von Labour. Alle diese Bewegungen waren Zeichen des politischen Bewusstseinssprungs und einer internationalen Bewegung in Richtung revolutionärer Politik.

Diese Entwicklung zu bremsen, war eine Herkulesaufgabe für die herrschende Klasse. Es bedurfte einerseits der koordinierten und kompromisslosen Antwort der Bourgeoisie. Ab 79, respektive 81, läuteten Thatcher und Reagan bewusst den Gegenangriff ein. Doch es war nicht die Repression alleine, welche die revolutionäre Welle abwürgte.

Die reformistischen und stalinistischen Organisationen weigerten sich, die Attacken der Bourgeoisie mit entsprechenden Kampfmassnahmen zu beantworten. Dieses Verhalten, erlaubte es den Bürgerlichen, ihre Offensive erfolgreich durchzusetzen.

Der deutsche SDS, die französischen Maoisten und die italienischen Operaisten verzweifelten am Widerspruch zwischen dem offensichtlichen Verrat der Führer traditioneller Linken und der ungebrochenen Loyalität (oder Apathie) der Massen zu jenen. Die Tragik der 70er liegt darin, dass sie den traditionellen Organisationen ihre Führungsrolle niemals streitig machen konnten, obwohl die Möglichkeiten dazu vorhanden gewesen wären.

Der Grund dafür liegt im Fehlen einer kohärenten Theorie und Praxis. Obwohl die Kämpfe der 70er-Jahre die Widersprüche zwischen der Basis und den Führungen enorm zuspitzten, gelang es ihnen nicht,  von der zunehmenden Kluft zwischen der sich radikalisierenden ArbeiterInnenklasse und ihren reformistischen Führungen zu profitieren. Was ihnen fehlte war eine überzeugende Kritik am Reformismus und am Stalinismus, sowie eine Herangehensweise, welche nicht die Basis für die Fehler der Führung verantwortlich machte, sondern die AktivistInnen geduldig von den Vorzügen eines revolutionären Programmes überzeugte.

Als sich die Kämpfe nach dem offenen Ausbruch der europaweiten Wirtschaftskrise von 1974 intensivierten, lösten sich die meisten dieser Organisationen nach und nach selber auf! Damit lieferten sie die Massen gänzlich den alten politischen Führungen aus!

Weil diese Organisationen damals Forfait gaben, anstatt den Kampf um die revolutionären Ideen bis zum Schluss auszutragen, liegt es heute an uns, diese Arbeit erneut aufzunehmen. Damals wie heute führt nichts an der geduldigen politischen Aufbauarbeit vorbei. Das vorliegende Heft soll dazu dienen, aus dem grossen Schatz der Erfahrungen und der Kämpfe von «1968 im weitern Sinne» die Lehren zu ziehen, die es für heute braucht. Wie Ludivine Bantigny erklärt: An den Generalstreik «erinnert [man] sich nicht einfach aus Interesse an der Geschichte, sondern weil man etwas aus den vorhergehenden Kämpfen lernen will.»

 

Inhalt der Sonderausgabe (klicken zum Vergrössern):

 

 

 

 

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