Ihre Namen sind unscheinbar: Kamprad, Hoffmann, Lehmann. Doch dahinter verstecken sich die grössten Kapitale der Schweiz. Gemeinsam bilden sie die Bourgeoisie. Wir stellen unsere Gegnerin im Klassenkampf vor.

Die Reichen werden immer reicher – nicht nur in der Schweiz, sondern auf der ganzen Welt. Die reichsten 300 Individuen oder Familien in der Schweiz kontrollieren gemeinsam die astronomische Summe von 675 Milliarden Franken. So viel wie nie zuvor! Das bleibt nicht folgenlos, denn auf der anderen Seite sind die Reallöhne gesunken und Privatschulden türmen sich auf.

Weltweit besitzt eine Handvoll Personen – acht, laut der Stiftung Oxfam – gleich viel wie die ärmere Hälfte der Menschheit. 2017 hat das reichste Prozent zudem 82% aller Vermögensgewinne eingestrichen (Die Zeit). Derartige Ungleichheit raubt vielen Menschen das letzte Vertrauen in den Kapitalismus. Die völlig ungleiche Wirkung der Krise «oben» und «unten» empört immer öfter und immer stärker. Zuweilen schlägt das in offenen Hass um. Dieser Hass auf die Krisenprofiteure ist eine ausserordentlich gesunde Klassenreaktion. Doch die Frage muss aufgeworfen werden: Wer ist es denn, den man hasst? Wer ist verantwortlich? Ohne Antworten auf diese Fragen wird man weder zur Wurzel des Problems vordringen, noch es beseitigen können.

Eine Frage der Klasse

Gibt es noch eine Arbeiterklasse? Obwohl uns diese Frage hier nicht beschäftigen soll, setzen wir das voraus. Wir leben in einer Klassengesellschaft. Das heisst, die Menschheit ist durch verschiedene Stellungen im gesellschaftlichen Produktionsprozess gespalten. Die meisten sind lohnabhängig: Sie müssen für eine beträchtliche Periode ihres Lebens ihre Arbeitskraft verkaufen und für einen Kapitalisten Mehrwert erzeugen, woraus der Kapitalist Profit schlägt. Die Stellung als Ausbeuter macht die Kapitalisten aus, denn das unterscheidet sie grundlegend von den ausgebeuteten Arbeitern.

Das heisst im Umkehrschluss: Auch die «Reichen» bilden eine Klasse, diejenige der Kapitalisten oder die Bourgeoisie. Doch nicht ihr Reichtum ist das Entscheidende. Aus der Ausbeutung als Klassenmerkmal ergeben sich gemeinsame Interessen. Sie wollen, dass die Gesellschaft so bleibt wie sie ist und ihren Platz behalten. Dies alles trifft sowohl für eine Managerin zu, die mit ihrem überrissenen Gehalt ein Aktienpaket erhält, wie für den Sprössling einer Milliardärsfamilie, der nur von den Zinsen lebt. Auch wenn man diese Einteilung feiner machen könnte, sind dies die wesentlichen Merkmale der herrschenden Klasse im Kapitalismus.

Zyniker unterstreichen den Fakt, dass 60% der Schweizer Bevölkerung mehr als 100’000$ Vermögen haben (CS-Wealth report). Doch nur weil sich Lohnabhängige mühsam die Hypothekeneinlage zusammensparen, um mit Wohneigentum die explodierenden Mieten zu vermeiden, macht sie das noch nicht zu Kapitalisten. Die Trennlinien sind vielleicht nicht messerscharf. Dafür sind die Pole umso klarer: Vier von zehn Haushalten hatten 2016 Schulden, um ihren Konsum zu finanzieren (work). Auf der anderen Seite leben in der Schweiz gut 5’000 Personen, die zu den 10% der reichsten weltweit zählen. 980 davon besitzen über 100 Millionen. Am oberen Ende ist also klar erkennbar, wer diese Bourgeoise ausmacht. Viele wohnen in der Schweiz, weil die Steuern tief sind.

Die Schweizer Kapitalisten

Wer ist also diese Klasse in der Schweiz? Nehmen wir die fünf Reichsten aus der Liste des Bilanz Magazins als Startpunkt: Kamprad (Ikea), Oeri-Hoffmann (Roche-Pharma), Lehmann (Bier, Burger King und Investmentbanking), Safra (Bank), Wertheimer (Chanel). Dies sind ExponentInnen der Bourgeoisie. Ihnen gehören die grössten Unternehmen. Sie sind die Empfangenden des Mehrwerts. Eine Bankendynastie ist nur einmal vertreten; wichtiger sind Lebensmittelkonzerne, darunter Kaffee und Bier sowie hochentwickelte Medizin-, Industrie- und Elektrotechnik.

Die obige Auswahl entspricht dem dominanten Kapital der Schweizer Wirtschaft: Wenige Grossunternehmen der Maschinen- und Pharmaindustrie, des Finanzplatzes, relativ beschäftigungsstarke Detailhändler sowie in der Schweiz ansässige Holdinggesellschaften. Die meisten Firmen sind direkt oder indirekt (Zulieferung) von der internationalen Wirtschaft abhängig. Im 20. Jahrhundert hat sich die Schweizer Wirtschaft immer stärker mit dem Weltmarkt verflochten. Heute sind die meisten grossen Unternehmen multinationale Konzerne, die ihre Konzernzentrale vor allem zu Steuerzwecken in der Schweiz haben. Weiter wird auch die Bezeichnung «Schweizer Banken» widersprüchlich, wenn man die Eigentümerstruktur betrachtet: Nur gut 20% der UBS-Aktien sind in der Schweiz registriert.

Für den Klassenkampf ist es natürlich politisch belanglos, ob jemand eine Schweizer Staatsangehörigkeit hat, auf den Binnenmarkt oder international ausgerichtet ist. Politisch nicht belanglos ist ein anderer Fakt: Diese Klasse kontrolliert über Beteiligungsscheine oder direkte Besitztitel das Kapital in und dessen Aktivitäten von der Schweiz aus. Sie leben von der Ausbeutung der Lohnabhängigen in der Schweiz und im Ausland, ohne dafür auch nur einen Finger rühren zu müssen.

Abseits der Drecksgeschäfte

Nur noch selten werden Einzelpersonen und Familien mit den grossen Konzernen identifiziert. Im Scheinwerferlicht stehen die Manager. Aber dies sind eben nur die Verwalter. Obschon sie meist kleine Kapitalisten sind, verdecken sie die Sicht auf den Kern der herrschenden Klasse.

Die wirklichen Schwergewichte haben es meist gar nicht nötig, mit harter Klassenkampfrhetorik aufzufallen. Sie mischen sich nicht in die Tagesgeschäfte ein. Auffallen tun sie nur durch das lockere Scheckbuch an den Banketten und Apéros ihrer öffentlich zugänglich Kunstsammlungen und «wohltätigen» Stiftungen. Über 100 Milliarden liegen in Schweizer Stiftungen, die jährlich knapp 2,5 Milliarden ausschütten. Das bietet mehrere Vorteile: erstens umgehen sie so Steuern, zweitens gibt es Renommee und drittens stellt es die Ungleichheiten als normal dar; ihre «Wohltätigkeit» behebt ja die schlimmsten Missstände. Statt Dankbarkeit zu zeigen für die Millionenspenden muss man die Frage stellen, warum diese Leute überhaupt die Millionen zum Spenden haben. Eigentlich fehlt alles, was in die Stiftungen fliesst und noch viel mehr, auf dem eigenen Lohnzettel und in den öffentlichen Kassen.

Die Klasse sozial beseitigen

Zu selten kommt es zu Angriffen auf die Klasse der Kapitalisten. Die Skandalisierung von Einzelfällen – wie diejenige exorbitanter Manager-«Boni» – ist keine Gefahr für die kapitalistische Klassenherrschaft. Die wirklichen Profiteure des Systems bleiben unbehelligt und müssen sich nie für ihr Parasitendasein rechtfertigen. 

In der politischen Analyse geht es selten um Einzelfälle. Wir müssen dieses System mit seinen sozialen Beziehungen und deren gegensätzlichen Polen verstehen. Die Schlussfolgerung kann nur eine sein: Wollen wir mit dem Kapitalismus Schluss machen, dann müssen wir den Kapitalisten die Grundlage für ihre soziale Stellung entziehen: ihren Besitz. Wir müssen sie allesamt enteignen und den von der Gesellschaft erarbeiteten Reichtum unter gesellschaftliche Kontrollen stellen. So, und nur so, werden wir die herrschende Klasse los: indem wir sie sozial beseitigen.

Bild: „Der Streik“ von Robert Köhler

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