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um hundertsten Jubiläum der russischen Revolution 1917 widmen wir den Ereignissen des Jahres eine Artikelserie. Dieses Mal zeichnen wir die Ereignisse der Februarrevolution nach.

Vor hundert Jahren stand Russland vor einer gesellschaftlichen Explosion. Der erste Weltkrieg sorgte nach Jahren des sinnlosen Sterbens zusammen mit den sozialen Gegensätzen, schlechten Lebensbedingungen für die ArbeiterInnen und der Unterdrückung durch die Zarenherrschaft für ein gewaltiges Auftürmen der gesellschaftlichen Widersprüche.

Die Erhebung beginnt
Schon in den Wochen zuvor begannen sich diese Massen zu regen und die Widersprüche führten auf der einen Seite zu immer mehr Streiks und Demonstrationen, auf der anderen Seite zu zunehmender Unsicherheit der Staatsführung. Die Stimmung war vor allem in den grossen Betrieben der Hauptstadt Petrograd (das heutige St. Petersburg) bis zum Zerreissen gespannt. So berichtet der Bolschewik Schljapnikow, dass „irgendein Pfiff oder ein Lärm genügte, die Arbeiter glauben zumachen, es sei das Signal zur Arbeitseinstellung.“ Die Zahl der Streiks war so hoch wie seit Beginn des Krieges nicht mehr, und sie hatten oftmals direkt politischen Charakter. So fanden grosse Streiks am Jahrestag des Beginns der Revolution von 1905 und am Tag der Eröffnung der Duma (des russischen Parlamentes) statt. Dazu kam eine Reihe von spontanen Ausbrüchen, so wurden etwa nach der Einführung von Brotkarten eine Reihe von Bäckereien von der aufgebrachten Menge geplündert.

Nach den Erfahrungen der gescheiterten Revolution von 1905 bereitete sich die Staatsmacht diesmal auf neue Auseinandersetzungen umfassend und penibel vor. Oberflächlich betrachtet hatte unter diesen Bedingungen keine grössere Bewegung eine Chance auf Erfolg. Die politische Geheimpolizei, die Ochrana, unterwanderte alle oppositionellen Parteien und Organisationen, vor allem die revolutionären. Diese Arbeit führte immer wieder zu Massenverhaftungen. Gleichzeitig wurden die regulären Polizeikräfte vorbereitet, in allen grösseren Industriezentren des Landes wurden sie in bewaffnetem Strassenkampf geschult. Die Hauptstadt war ein Heereslager, vor allem Reserveeinheiten waren hier stationiert. Daneben wurden aber auch als besonders zarentreu geltende Regimenter, Offiziersschüler und Kosakeneinheiten zusammengezogen, insgesamt waren so etwa 150.000 Soldaten in Petrograd stationiert.

Beginn der Revolution am Internationalen Frauentag
Doch all diese Vorbereitungen sollten letztendlich die Zarenherrschaft nicht retten können. Die Revolution findet ihren Ausgang, nicht geplant oder erwartet, am Internationalen Frauentag 1917, dem 8. März (23. Februar nach altem Kalender). Innerhalb von fünf Tagen sollte die ganze Fassade des alten Russlands in sich zusammenbrechen. Doch die Revolution beginnt als spontaner Streik von Textilarbeiterinnen, der sich schnell ausbreitet.

Vom Schwung des erfolgreichen Frauentages angespornt, streikt am nächsten schon etwa die Hälfte der IndustriearbeiterInnen Petrograds, vor allem in den Grossbetrieben. Grosse Demonstrationen ziehen ins Zentrum der Stadt. Es kommt zu Zusammenstössen mit der Polizei, die versucht, die ArbeiterInnen zurückzuschlagen. Vereinzelt werden auch Kosakeneinheiten aufgeboten, die jedoch – vorerst und laut Plan – noch nicht zu Schusswaffe greifen. Doch schon an diesem Tag zeigt sich, dass die Disziplin der zaristischen Armee an einem seidenen Faden hängt. Am nächsten Tag, den 10. März, streiken nach Regierungsangaben bereits 240.000 ArbeiterInnen. Faktisch herrschte an diesem Tag in Petrograd bereits ein Generalstreik. Die Polizei ist immer machtloser, die Ereignisse alleine aufzuhalten und es brechen bewaffnete Auseinandersetzungen aus.

Die Armee lehnt sich auf
Die Soldaten verhalten sich passiv, mitunter auch feindselig gegen die Polizei. In der Menge erzählt man sich erregt, dass die Kosaken, als die Polizisten am Denkmal Alexander III. die Schiesserei eröffneten, eine Salve auf die berittenen Pharaonen (Spitzname für die Schutzleute) abgegeben hätten und diese flüchten mussten. Am 10. März ist klar, dass die Masse der ArbeiterInnen, und mit ihnen grosse Teile der StudentInnen und KleinbürgerInnen Petrograds, für einen Aufstand gegen die Zarenherrschaft bereit sind. Das revolutionäre Zentrum Petrograds, das Stadtviertel Wyborg mit seinen riesigen Fabriken und Arbeitersiedlungen, ist bereits vollständig in der Hand der Revolution.

Der scheinbar letzte Trumpf der Herrschenden, der umfassende Einsatz der Armee gegen die Aufständischen, soll am 11. März laut Plan und auch auf Wunsch des Zaren, gespielt werden. An diesem Tag gibt es tatsächlich viele Opfer zu beklagen, vor allem die Offiziersschüler schiessen gehorsam. Mehr als 40 Menschen sterben, als grosse Demonstrationen sich aus den Arbeiterbezirken in die Innenstädte bewegen. Doch die Stimmung unter den Massen ist nicht ängstlich, sondern des siegesbewusst. Der Agent Schurkanow berichtet an seine Vorgesetzten:

Da die Truppen die Menge nicht hinderten, […] sondern in einzelnen Fällen sogar Massnahmen zur Paralysierung der Polizeiaktionen trafen, wuchs in den Massen das Gefühl der Straffreiheit, und heute, nach zwei Tagen ungehinderten Umhergehens in den Strassen, nachdem die revolutionären Kreise die Parolen „Nieder mit dem Krieg“ und „Nieder mit dem Selbstherrschertum“ aufgestellt haben, hat sich im Volke der Glaube festgesetzt, die Revolution habe begonnen, der Erfolg sei den Massen sicher, die Regierung ohnmächtig, die Bewegung zu unterdrücken, da die Truppen auf Seiten des Volkes ständen, der entscheidende Sieg sei nahe, weil die Truppen heute oder morgen offen auf die Seite der revolutionären Streitkräfte übergehen würden, die entfesselte Bewegung werde nicht mehr innehalten, sondern ununterbrochen wachsen, bis zum völligen Siege und zum Staatsumsturz.

Unter den Soldaten selbst gärt es gewaltig. “Diesen Menschen, in ihrer Mehrzahl Familienväter, stand bevor, in die Schützengräben zu gehen, wiewohl der Krieg bereits verloren, das Land ruiniert war. Sie wollten den Krieg nicht, sie wollten nach Hause, zu ihrer Wirtschaft zurück. Sie wussten sehr gut, was am Hofe sich abspielte, und fühlten nicht die geringste Anhänglichkeit für die Monarchie. Sie hatten keine Lust, gegen die Deutschen zu kämpfen und noch weniger gegen die Petrograder Arbeiter. Sie hassten die regierende Klasse der Hauptstadt, die sich während des Krieges dem Wohlleben hingab. Unter ihnen waren Arbeiter mit revolutionärer Vergangenheit, die all diesen Stimmungen einen verallgemeinernden Ausdruck zu geben wussten.“, schrieb Trotzki in seinem Buch über die Februarrevolution. Auch unter den ArbeiterInnen sind es vor allem diejenigen, die schon in der vorherigen Periode revolutionäre Erfahrungen gesammelt haben und oft Mitglieder der Bolschewistischen Partei sind, die die Führung der Bewegung übernehmen.

Schon am Abend des 11. März kommt es zu ersten Meutereien unter den Truppen. Doch entscheidend sollte der 12. März werden: An diesem Tag bricht sich der bewaffnete Aufstand, nicht durch Anleitung von einer zentralen revolutionären Führung, sondern aus der Logik der Situation heraus, selbst die Bahn: „Eine Leitung der Massen von oben gab es fast nicht. Die Zeitungen schwiegen, denn es war Streik. Ohne sich umzuschauen, machten die Massen selbst ihre Geschichte“, beschrieb Trotzki die Situation. Viele Armeeeinheiten gehen auf die Seite der Revolution über. Wo sich die Offiziere dem entgegenstellen und mit Zwangsmassnahmen versuchen, die Disziplin wiederherzustellen, werden sie entwaffnet oder getötet.

Die Köpfe rollen
Mit diesen Ereignissen ist das Schicksal der Monarchie besiegelt. Die jahrhundertelange Herrschaft der Zaren bricht innerhalb weniger Tage vollständig zusammen. Die zaristische Regierung ist völlig paralysiert: Bei einer Sitzung wird auf das Gerücht hin, dass Revolutionäre sich nähern, das Licht ausgemacht, einige der feinen Herren verkriechen sich unter dem Tisch. Sie werden schliesslich von den RevolutionärInnen verhaftet.

Im restlichen Land wird der Aufstand im Prinzip einfach nachvollzogen: Zuerst rund um Petrograd und in Moskau, dann in den Provinzstädten und schliesslich auf dem flachen Land. Nirgends findet sich jemand der bereit wäre, für den Zaren und seine Herrschaft zu sterben, und so kommt es im restlichen Land auch nicht zu wirklichen Kämpfen.

Die Revolution kostete in Petrograd knapp 1500 Menschen das Leben. Im Vergleich mit den umgebenden blutigen Schlachten des ersten Weltkrieges, die Millionen Menschen das Leben kosteten, war das nicht viel. Und doch war es die wichtigste all dieser Schlachten. Die Waffen hatten sich nicht, wie in den Jahren zuvor, gegen die ArbeiterInnen und Bauern der „anderen“ Länder gerichtet, sondern gegen die eigenen UnterdrückerInnen. Schon im ersten Anlauf wurde der Zarismus unwiederbringlich hinweggefegt. Doch was ihn ersetzen sollte, war für den grössten Teil der Massen nicht klar.

Die ArbeiterInnen haben die Macht ergriffen
Die Februarrevolution war ein Ergebnis der konkreten Lebensbedingungen der Unterdrückten. Das Sterben an der Front, Lebensmittelknappheit, Kälte, die Ausbeutung durch Fabrik- und Gutsbesitzer, die Unterdrückung durch die Offiziere war der Auslöser für diesen gewaltigen Aufstand. Doch wer sollte diese Dinge ändern?

Die Macht lag auf der Strasse. Überall waren die alten Würdenträger, von der Regierung abwärts verhaftet, diskreditiert, orientierungslos, desorganisiert. Die siegreichen Massen begannen sofort, sich in diesem Machtvakuum selbst zu organisieren. Wie schon 1905 begannen die ArbeiterInnen in den Betrieben damit, Delegierte zu wählen, die sich in Räten (russisch: Sowjets) organisierten. Derselbe Prozess fand auch in den verschiedenen Militäreinheiten statt, mit Verspätung auch unter den einfachen Bauern auf dem Land. Doch die Massen der normalen ArbeiterInnen und Soldaten, gerade erst zum politischen Leben erwacht, waren noch zu unerfahren, zu unorganisiert, als dass sie die Situation voll begreifen und ausnutzen konnten.

Neben den Sowjets bildete sich eine bürgerliche „provisorische Regierung“. Diese hatte keinerlei Interesse daran, die Forderungen der einfachen Soldaten, ArbeiterInnen und Bauern umzusetzen. Im Gegenteil, ihr Hauptaugenmerk war es, die „Ruhe und Ordnung“ wiederherzustellen. Für den Moment gab sie sich einen „revolutionären“ Anstrich und wurde von den Massen geduldet, nachdem sie auch von vielen zuvor illegalen oppositionellen und „revolutionären“ Parteien gestützt wurde. Diese sogenannte „Doppelherrschaft“ löste nichts Grundlegendes, die Würfel über der russischen Revolution waren noch nicht gefallen. Doch in den nächsten Monaten sollten in einem gewaltigen Auf und Ab der Ereignisse die Massen diese Erfahrungen nachholen.

Florian Keller
Der Funke Österreich

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